10.09.2020

Nur die Praxis zählt

taskforce Geschäftsführerin Kristin Gölkel im Gespräch mit unserem Partner Dr. Ronald Roos über sein kürzlich veröffentlichtes Buch „Erfolg und mentale Gesundheit – Was Führungskräfte von Buddha, Seneca und den Shaolin-Mönchen lernen können“

Lieber Ronald, für uns als Sozietät für interimistisches Linien- und Projektmanagement ist es spannend, wenn einer der Partner ein Buch zum Thema Management veröffentlicht, zumal wenn es so einen vielversprechenden Titel hat. Wie bist du auf dieses sehr grundsätzliche Thema gekommen?

Viele von uns suchen – bewusst oder unbewusst – nach Wegen, wie wir unsere anspruchsvollen Herausforderungen erfolgreich bewältigen und gleichzeitig unsere innere Zufriedenheit und mentale Gesundheit bewahren können. Die Handlungsempfehlungen antiker Philosophen – wie Konfuzius, Seneca und Buddha – unterstützen mich dabei seit langem.  Tief beeindruckt hat mich dann ein Aufenthalt im chinesischen Shaolin Tempel. Die Kampfmönche erlangen durch jahrelanges diszipliniertes Training unglaubliche körperliche und mentale Fähigkeiten. Gleichzeitig strahlen sie eine große innere Zufriedenheit, Freundlichkeit und heitere Gelassenheit aus. Ihre Stärke basiert auf den philosophischen Prinzipien des Buddhismus sowie dessen Mediations- und Achtsamkeitsübungen. Überrascht hat mich dann auch, dass die vor etwa 2.500 Jahren in verschiedenen Kulturkreisen entstandenen Denkschulen viele Ähnlichkeiten aufweisen.  Mir wurde klar, wie stark die Erkenntnisse dieser Zeit unser Leben auch heute positiv beeinflussen können.

Nun gehört das Schreiben in der stillen Kammer nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen vielbeschäftigter Interim Executives...

Das stimmt absolut und wirklich leicht gefallen ist es mir ehrlich gesagt auch nicht. Und natürlich ging das nicht ohne Hilfe. Wie in anspruchsvollen Management-Situationen auch, habe ich mir Impulse und kritischen Rat von zahlreichen Kollegen und Experten geholt. Das Motivierende an dieser Arbeit ist, dass man seine persönlichen Erfahrungen einmal in aller Ruhe in einem größeren Zusammenhang betrachten kann. Dabei zeigt sich recht klar, was Einzelfall und was zu verallgemeinern ist. Man wird sich seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst und erarbeitet sich die Basis für Verbesserungen.

Ist dein Buch ein Managementratgeber?

Es ist ein Angebot an alle, die den Wunsch haben, ihre Managementfähigkeiten zu hinterfragen und zu verbessern. Wie kann es uns gelingen, unsere Arbeit erfolgreicher zu gestalten - besser zu analysieren, besser zu entscheiden und besser zu führen – und gleichzeitig unsere Freude an ihr nicht zu verlieren. Das Buch ist ein Anstoß, über Themen nachzudenken, die uns immer wieder neu betreffen, und vielleicht sogar den Austausch darüber mit Kollegen anregen.

Was sind das für Themen?

Es geht um konkrete Fragestellungen der Disziplin, der Bereitschaft zu lernen, um Zielkonflikte und Widerstände, um den Umgang mit Risiken, das Treffen und die Umsetzung von Entscheidungen unter hohem Zeitdruck und Fragen der Führung. Essenzielle Themen, die in einem intensiven Managerleben regelmäßig auftauchen. Ich spreche aber nicht über gemütliches Philosophieren am Feierabend. Das Buch ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Die aufgezeigten Prinzipien werden anhand von Beispielen konkretisiert und münden in Handlungsvorschläge. Im Kern ist das Ziel, auch unter Stress gesund zu bleiben und zufrieden zu sein, was offenbar viel schwerer ist, als viele meinen.

Und? Gelingt es Dir selbst?

Nun ja, ich arbeite daran und höre nicht auf zu lernen. Und ich respektiere Buddhas Ausspruch „Bevor du andere geradebiegst, musst du dich selbst geradebiegen.“ Insofern geht es eben nicht um fertige Antworten, sondern um Veränderungen und stückweise Verbesserungen. Es ist ein ständiger Prozess.

Aber könne solche Denkwelten nicht ganz schön abgehoben wirken?

Eher im Gegenteil. Die Ratschläge der Philosophen sind wirklichkeitsnah und praxisorientiert. Bis in die heutige Zeit werden sie von vielen Führungskräften genutzt. Kaiser Marc Aurel – der basierend auf der stoischen Philosophie das römische Reich regierte – ist das wahrscheinlich bekannteste Beispiel.

Wir leben in einer Welt, deren Veränderungen uns als Entscheider und Führungskräfte vor wachsende Herausforderungen stellt. Zwar scheint unsere Gesellschaft in ihrer ganzen Schnelllebigkeit und Komplexität unendlich weit entfernt zu sein, von jener Zeit, in der die Maximen dieser Denker entstanden sind. Andererseits hat sich der Mensch in seinen Instinkten, Gefühlen und Reaktionen über viele Jahrhunderte viel weniger verändert, als es scheint. Die wesentlichen Aspekte menschlichen Handelns sind auch in unserer digitalen Wissensökonomie noch immer dieselben, wie zu Senecas Zeiten.

Vielleicht sind einige der genannten Zitate manchem Leser schon mal begegnet. Und viele sind so formuliert, dass man ihnen eigentlich immer zustimmen kann. Was macht sie trotzdem für uns interessant?

Das stimmt natürlich, allerdings stehen wir hier, wie oft im Leben, vor der Frage der Konsequenz. In der Theorie haben wir Führungskräfte beispielsweise ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie wir erfolgreich führen. Die Praxis sieht in der Dynamik des Tagesgeschehens dann doch oft etwas anders aus. Insofern gewinnen wir in der Beschäftigung mit diesen großen Denkern nicht unbedingt ganz neue Erkenntnisse, aber wir können unser persönliches Delta von Anspruch und Wirklichkeit erkennen. Es geht vor allem um Fragen der Bewusstmachung und des Lernens. Die meisten von uns wissen sicher, wie die bessere Version ihrer selbst aussieht. Das Problem ist nur, dass es einfach unbequem ist, sein Verhalten zu verändern. Da bleiben wir – ausgestattet mit allerlei Gründen – oft lieber in unseren Komfortzonen. Gerade in Druck- und Stresssituationen, in denen wir häufig stehen, zeigen sich diese eingeübten Verhaltensmuster, die meistens weder gesund noch besonders erfolgreich sind.

Kannst Du uns dafür ein Beispiel nennen?

Als Interim CEO einer börsengehandelten Aktiengesellschaft war ich den Angriffen von aktivistischen Aktionären ausgesetzt, die durch das Provozieren von formalen Fehlern die Beschlüsse der Hauptversammlung torpedieren wollten. Höhepunkt ihrer Kampagne war eine E-Mail an Behörden und Aktionäre, in der Unwahrheiten, falsche Tatsachen und Gerüchte zu haltlosen Vorwürfen von Gesetzesverstößen verwoben wurden. Auf der Hauptversammlung selbst wurden mein Team und ich massiv angegangen: Von plumpen Aussagen – „unfähige, überforderte Manager“ – über psychologische Analysen – „pathologische narzisstische Persönlichkeitsstörung mit krankhaftem Kontrollwahn“ – bis zu der Beurteilung der gesamten beruflichen Entwicklung – „Vernichtung von Aktionärsvermögen bei zahlreichen Firmen“ – war einiges geboten.

Konkrete Handlungsmaximen für derartige Auseinandersetzungen, wie Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Klarheit, Angemessenheit und Gelassenheit, finden sich in vielen der Denkschulen. In unserem konkreten Fall bedeutet dies, sich nicht auf eine öffentliche Auseinandersetzung einzulassen und stoisch auch auf persönliche Beleidigungen nicht einzugehen. Lediglich bei geschäftsschädigenden Behauptungen erwirkten wir einstweilige Verfügungen, die wir durch Gerichtsvollzieher zustellen ließen. Wir wählten bewusst die Kämpfe aus, die wir ausfechten wollten, und bestimmten die Spielregeln, nach denen die Auseinandersetzung geführt wurde. Wir fokussierten uns ausschließlich auf das Erreichen unserer inhaltlichen Ziele. Durch unsere angemessenen Reaktionen wirkten wir souverän und boten keine Angriffsfläche.

Wieso hast Du ausgerechnet diese Denker ausgewählt?

Das ist ehrlich gesagt einfach meinem Interesse und wohl auch dem Zufall geschuldet. Man liest ein Buch, stößt auf einen interessanten Gedanken, begegnet diesem an anderer Stelle wieder und so entstehen Zusammenhänge und fügen sich Erkenntnisse zu Mustern. Leicht zu erkennen ist, dass mich der ziemlich strenge Seneca ganz besonders fasziniert. Die Einbeziehung buddhistischer Betrachtungen entstand hingegen aus meinem Interesse an asiatischen Selbstverteidigungskünsten.

Nach der intensiven Beschäftigung mit diesen Themen: Was ist Dein persönliches Resümee?

Es gibt keine endgültigen Antworten auf diese Fragen. Das wissen wir alle. Aber wir können uns um bestmögliche Antworten bemühen. Das löst zwar nicht alle Probleme, aber sortiert die Dinge so, dass es sich damit deutlich entspannter und zufriedener arbeiten und leben lässt. Die Dinge kommen im wahrsten Sinne des Wortes „in Ordnung“. Oder als einfache Empfehlung in einem Satz formuliert: Herausforderungen mit hoher Disziplin und großer Leidenschaft angehen, aber nie die Gelassenheit verlieren.

Herzlichen Dank, für dieses anregende Gespräch, Ronald!