30.03.2020

Geschäftsleitungsmitglied Ilka Herzog im Interview mit Ingrid Lohse, Partnerin und Interim Managerin in Geschäftsführungsrollen zum Thema Führung im Krisenmodus

Ilka Herzog: Mit enormer Intensität verbreitet sich die Corona-Pandemie rund um den Globus. Viele Menschen sind im Krisenmodus, das soziale Leben ist auf ein Minimum heruntergefahren, Termine und Projekte fallen reihenweise aus, erhebliche Teile der Wirtschaft liegen brach. Wir alle agieren nur „noch auf Sicht“. In dieser Zeit maximaler Unsicherheiten erwarten Mitarbeiter starke Führungskräfte, die einen klaren Kopf behalten, Maßnahmen priorisieren und konsequent umsetzen. Ingrid, Du bist selbst eine erfahrende Führungspersönlichkeit, aber auch Wirtschaftspsychologin und hast viele Krisen erfolgreich gemanagt. In unseren Gesprächen während der letzten Tage hast du besonders den Aspekt des „gleichzeitig Mensch und Führender sein“ eingebracht. Warum ist dir das so wichtig?

 

Ingrid Lohse: Ich lese momentan viele Publikationen zum Thema Führen in der Krise. Ihr grundlegender Tenor: Menschen suchen Vorbilder, die vorangehen und dadurch das Gefühl des eigenen Kontrollverlustes mindern. Im Unternehmen ist das die zentrale Rolle der Führungskräfte und der Unternehmer und selten war sie wichtiger als jetzt. Gute und einfache Anleitungen und Methoden, wie man erfolgreich klare Signale und Botschaften sendet, gibt es ausreichend, die möchte ich jetzt nicht wiederholen.

Bislang nur wenig kommentiert gesehen habe ich den Aspekt, dass Führungskräfte und insbesondere Unternehmer natürlich auch nur Menschen sind, die sich zusätzlich zur Verantwortung für das Unternehmen mit den gleichen existenziellen Ängsten und Sorgen auseinandersetzen müssen, wie jeder Mitarbeiter auch: Bleibt meine Familie gesund? Werde ich sie in auch in Zukunft versorgen können? Was bleibt übrig von den geschaffenen Werten?

Insofern sind sie in zweifacher Hinsicht von der Krise getroffen: einerseits als Verantwortliche für eine Vielzahl von Mitarbeitern und deren Zukunft, andererseits aber auch als Individuum, Eltern, Ehepartner und oft auch noch als Kinder jetzt besonders bedrohter betagter Eltern. Der Verantwortungsdruck und die hohen Erwartungen der Außenwelt lassen aber nur wenig Platz für persönliche Befindlichkeiten.

Ilka Herzog: Das Dilemma ist deutlich erkennbar; hast Du eine Empfehlung?

Ingrid Lohse: Um die notwendige Stärke in der Außenkommunikation aufrechtzuerhalten, ist es elementar, dass sich Führungskräfte kleine Reservate schaffen, um dort die persönlichen Sorgen adressieren, reflektieren und „managen“ zu können, statt sie zu unterdrücken. Für dieses „managen“ können interessanterweise die gleichen Methoden angewendet werden, die auch im Krisenmanagement im Unternehmen erfolgreich sind. So werden Ängste in rationale Bahnen gelenkt und methodisch bearbeitungsfähig. Für die emotionale Verarbeitung des Drucks helfen Gespräche mit erfahrenen Sparringspartnern, hier vielleicht gerade Externe. In den letzten Tagen habe ich vielfach erfahren, dass gerade, weil jeder betroffen ist, sich aus so einem Austausch und dem gemeinsamen Reflektieren der eigenen Situation motivierende Impulse ergeben, die neue Stärke schaffen. Hier bewahrheitet sich der Slogan „Gemeinsam sind wir stark.“

Und ganz in diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle neben den vielen unermüdlich Schaffenden in den systemrelevanten Bereichen auch einmal meine große Wertschätzung gegenüber den vielen Führungskräften und Unternehmern aussprechen, die nicht nur alles daran setzen, ihre Betriebe aufrechtzuerhalten, sondern auch ihren Mitarbeiten jeden Tag neuen Mut, Motivation und Orientierung geben.

 

Ilka Herzog: Ein anderer Aspekt der derzeitigen Situation ist, dass wir eine neue Art der Arbeit erleben. Was bisher in vielen Unternehmen noch oft zu Diskussionen führte, ist innerhalb kürzester Zeit Realität geworden: Zusammenarbeit aus dem Home-Office heraus. Du hast in deiner beruflichen Laufbahn bereits über zehn Jahre virtuelle Teams geführt, die global zusammengesetzt waren und mit denen die Kommunikation im Wesentlichen über die einschlägigen Kanäle lief. Worauf kommt es in der digitalen Zusammenarbeit deiner Erfahrung nach besonders an?

 

Ingrid Lohse: Tatsächlich erleben wir gerade den wohl größten Feldversuch einer virtuellen Zusammenarbeit. Die Führung von Teams über Distanz folgt allerdings nicht grundlegend anderen Prinzipen, als in der direkten Führung. Auf der Basis gemeinsam festgelegter Kommunikationsstrukturen und Governance-Systeme lassen sich Unternehmensziele auch virtuell effektiv transportieren und erreichen – wenn die Führungskräfte, das wäre meine wesentliche Einschränkung, die damit verbundenen Haltungen und Handlungen mit Leidenschaft, Konsequenz und Empathie vorleben. Letzteres ist natürlich besonders in Krisenzeiten unabdingbar, egal ob virtuell oder persönlich. McKinsey schrieb jüngst zu dieser Frage: „In einer Krise ist es am wichtigsten, dass die Führungspersönlichkeiten einen wichtigen Aspekt ihrer Rolle aufrechterhalten: einen positiven Unterschied im Leben der Menschen zu machen“. Dem kann ich mich nur anschließen. Wir müssen dafür sorgen, dass uns die Menschen, mit denen wir bisher zusammengetroffen sind, verbunden bleiben.

Ilka Herzog: Wie empfindest Du diese virtuelle Zusammenarbeit persönlich? Fehlt da nicht etwas ganz Entscheidendes?

Ingrid Lohse: Eigentlich nicht. Meine Teams und ich haben es nie als elementaren Nachteil empfunden, zu 90 Prozent „nur“ virtuell zu kommunizieren. Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir auch große Herausforderungen lösen können - auch wenn wir uns an weit entfernten Standorten befinden.

Problemlösungen entstehen nicht nur in Präsenz-Workshops. Heute stehen viele leistungsstarke und sichere Möglichkeiten virtueller Kommunikation zur Verfügung, um Pläne einfach und transparent kommunizieren, Mitarbeiter abzuholen, Fortschritte wertzuschätzen und Erfolge zu feiern. Wir müssen lediglich den gelebten persönlichen Austausch auf das Telefon, die Videokonferenz oder den Chat verlegen und dafür eine einfache Struktur vorgeben. Das ist kein Hexenwerk. Der bereits geübte Jour Fixe lässt sich sehr gut auch virtuell gestalten. Dabei kann man sich auch aus der Ferne mit der Tasse Kaffee zuprosten. Suchen Sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern nach kreativen gemeinsamen Ritualen. So bleibt man auch über die Distanz „zusammen“ und kann sich eine geteilte positive Energie im Team entwickeln. Es geht auch virtuell alles über den Aufbau von Beziehungen zwischen den Menschen, sie brauchen eine Inspiration und müssen sich wertgeschätzt fühlen.

Ilka Herzog: Vielleicht ist es noch ein wenig früh, aber wir alle wissen: Jede Krise birgt auch Chancen. Wo siehst du gerade welche?

Ingrid Lohse: Die größte Chance sehe ich darin, dass wir viele innovative Lösungen finden, die in „normalen“ Zeiten abgelehnt würden. Unternehmen finden neue Absatzwege, produzieren plötzlich komplett neue Produkte, um der Pandemie zu begegnen. Auch werden wir erleben, dass Mitarbeiter, die wir sonst nicht „auf dem Radar“ haben, unter diesen besonderen Bedingungen plötzlich andere mitziehen. Führungskräfte und Unternehmer sollten jetzt wachsam sein und all diese Erfahrungen dokumentieren, um sie für die Zukunft zu nutzen.

Bei Workshops zur Entwicklung von Visionen verwende ich gerne die Methode des „Backwards Imaging“. Um ein lebhaftes Zielbild zu schaffen, artikuliert man, wie die Zukunft aussieht, wenn ein Projekt erfolgreich abgeschlossen ist. Wir kreieren damit eine positive Grundhaltung und kanalisieren unsere Gedanken dahin, Ideen, Ansätze und Lösungen für den Erfolg zu suchen, statt uns durch das „Jetzt“ zu limitieren. Ganz im Sinne einer positiven „Self-Fulfilling Prophecy“.

„Die Welt ist schockgefroren, wir werden sie wieder auftauen“ habe ich vor ein paar Tagen als Überschrift eines Artikels gelesen – dieser Satz spiegelt meine Haltung wider und genau an diesem Bild sollten wir uns festhalten.

Fazit: Positives Denken in der jetzigen Zeit schafft sofort neue Energien. Wenn auch Sie, lieber Leser, das Bedürfnis nach einem konstruktiven Austausch zum Thema Leadership und Veränderung haben oder einfach nur ein paar Gedanken reflektieren möchten, freuen wir uns, von Ihnen zu hören.

Ilka Herzog

+49 173 3211227

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Ingrid Lohse

+49 172 6979813

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